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Das Forschungskolleg Humanwissenschaften: Projekte

»Democratic Vistas: Reflections on the Atlantic World«
ab 2021

Seit einhundert Jahren sind die Begriffe »Atlantische Welt« und »Demokratie« eng miteinander verbunden. 1917, kurz vor dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg, prägte der amerikanische Publizist Walter Lippmann den Begriff »Atlantic World«, um eine transatlantische Gemeinschaft zu beschwören, die sich der Verteidigung von Demokratie und Freiheit verpflichtet fühlte. Ursprünglich diente der demokratische Atlantik als Bollwerk gegen ein aggressives Deutschland, das den Ersten Weltkrieg begonnen hatte und sich nun anschickte, einen zweiten Krieg anzuzetteln. Nach 1945 öffnete die Idee der Atlantischen Welt für (West-) Deutschland einen Weg in die internationale Gemeinschaft, die auf eben jenen Idealen basierte, die Deutschland zuvor zu zerstören versucht hatte.

Unterdessen begann »der Westen«, sich mit dem Erbe seiner Geschichte der Sklaverei und Kolonisierung auseinanderzusetzen. Das Ergebnis war ein zerrüttetes Selbstbild, dessen Bruchstücke von einer Geschichte der Gewalt, der Ausbeutung und der Ausgrenzung zeugten. Beim Wiederzusammensetzen dieses Scherbenhaufens entstand ein ernüchtertes und geläutertes Selbstbild, das sich andere Grenzen setzt: längst ist die Atlantische Welt nicht mehr auf ein Bündnis zwischen Westeuropa und Nordamerika beschränkt, sondern bezieht nun eine Nord-Süd- sowie eine Ost-West-Achse mit ein. Und dennoch bleibt trotz dieser Bedeutungsverschiebung die ursprüngliche Idee bestehen: Als Projekt verstanden, bleibt die Atlantische Welt der Idee der Demokratie verschrieben.

Doch in den letzten Jahren ist »die Demokratie« unter Druck geraten. Illiberale Kräfte unterwandern ihre Normen, Formen und Institutionen. Auf beiden Seiten des Atlantiks erweist sich die Demokratie als unerwartet fragil. Zwischen 1990 und heute haben wir uns von der blauäugigen Vision eines liberal-demokratischen »Endes der Geschichte« wegbewegt, hin zu der Angst, dass das Zeitalter der liberalen Demokratie zu Ende gehen könnte.

Der Forschungsschwerpunkt »Democratic Vistas: Reflections on the Atlantic World« am Forschungskolleg Humanwissenschaften reagiert auf diese Herausforderungen, indem er die Potentiale und die Grenzen der Atlantischen Welt im Hinblick auf die Zukunft der Demokratie untersucht. Dabei orientieren wir uns am amerikanischen Dichter Walt Whitman, der in seinem Essay Democratic Vistas von 1871 die Kontingenz der Demokratie erkannte. Die Demokratie ist ein Experiment im Streben nach Freiheit und Gleichheit. Doch Experimente können auch scheitern. Das Gespenst der Tyrannei ist die Kehrseite der kollektiven Selbstgestaltung, die den Kern der Demokratie ausmacht. Wir betrachten die Atlantische Welt als ein Versuchsfeld für demokratische Innovationen und Experimente.

»Democratic Vistas« bringt eine interdisziplinäre Gruppe von Wissenschafter*innen der Goethe-Universität sowie internationale und regionale Partner aus den Feldern Geschichte, Internationale Beziehungen, Recht, Literatur, Medienwissenschaft, Philosophie, politische Theorie, Religionswissenschaft, Sozialpsychologie und Soziologie zusammen, um gemeinsam über folgende Themen nachzudenken:

– Spielarten demokratischer Erfahrung
– Atlantische Demokratie im Anthropozän
– Digitale Öffentlichkeiten an den Grenzen der Demokratie
– Demokratie und Ungleichheit

Die Langfassung der Projektbeschreibung finden Sie hier.

Teilnehmer*innen
Leitung
Johannes Völz (Amerikanistik)
Gunther Hellmann (Internationale Beziehungen)

Barbara Alge (Musikwissenschaft)
Beatrice Brunhöber (Jura)
Christoph Burchard (Jura)
Nicole Deitelhoff (Friedens- und Konfliktforschung, Internationale Beziehungen)
Heinz Drügh (Germanistik)
Thomas Duve (Rechtsgeschichte)
Astrid Erll (Anglistik)
Andreas Fahrmeir (Neuere Geschichte)
Rainer Forst (Politische Theorie und Philosophie)
Achim Geisenhanslüke (Vergleichende Literaturwissenschaften)
Klaus Günther (Jura)
Vinzenz Hediger (Film- und Medienwissenschaften)
Vera King (Sozialpsychologie)
Antje Krause-Wahl (Kunstgeschichte)
Sophie Loidolt (Philosophie; TU Darmstadt)
Matthias Lutz-Bachmann (Philosophie)
Pavan Malreddy (Anglistik)
Darrel Moellendorf (Polische Theorie, Philosophie)
Hanna Pfeifer (Politikwissenschaften)
Juliane Rebentisch (Philosophie; Ästhetik, HfG Offenbach/IfS)
Martin Saar (Philosophie)
Thomas Schmidt (Religionsphilosophie)
Till van Rahden (Neuere Geschichte; Université de Montréal/FKH Senior Fellow)
Greta Wagner (Soziologie; TU Darmstadt)
Christian Wiese (Jüdische Religionsphilosophie)
Zhiyi Yang (Sinologie)

Veranstaltungen
18. Februar 2021
Podiumsdiskussion | Online
»Democratic Vistas, Autocratic Specters: Must We Reinvent Democracy?«
mit Masha Gessen (The New Yorker), Shalini Randeria (IWM Wien), Slawomir Sierakowski (Krytyka Polityczna Warschau), Johannes Völz (Moderation: Goethe-Universtät, Frankfurt am Main)

10. Juni 2021, 21:00 Uhr
Podiumsdiskussion | Online
Democratic Vistas zu Gast bei der Tel Aviv Night of Philosophy:
»Do democracies need the non-political?
mit Aliénor Ballangé (Politische Theorie), Sophie Loidolt (Philosophie), Martin Saar (Philosophie), Johannes Völz (Amerikanistik, Moderation)

7. Juli 2021
Podiumsdiskussion | Online
»Multilateralism, Atlantic Democracies and Global Order«
mit  Stéphane Dion (Botschafter Kanadas in Deustschland), Anne-Marie Slaughter (Princeton University), Gunther Hellmann (Moderation: Goethe-Universität, Frankfurt am Main)

3. November 2021
Vortrag | Online
»The EU’s International Climate Policy and Transatlantic Relations«
Artur Runge-Metzler (Former Director, DG CLIMA, European Commission), Darrel Moellendorf (Moderation: Goethe-Universität, Frankfurt am Main)

Radiobeiträge und Interviews
4. Februar 2021, Deutschlandfunk »Kultur heute«
Forschungsschwerpunkt »Democratic Vistas: Reflections on the Atlantic World«: Anja Reinhard im Gespräch mit Johannes Völz. Das Interview können Sie hier anhören.

18. Februar 2021, Hessischer Rundfunk, hr2 »Am Nachmittag«
»Was ist los mit unserer Demokratie?« Catherine Mundt im Gespräch mit Johannes Völz über »Democratic Vistas«. Das Interview können Sie hier anhören.

Presseecho
UniReport der Goethe-Universität Frankfurt, Nr. 1, 11.02.2021, S. 18.
»Democratic Vistas. Reflections on the Atlantic World«
Neuer Schwerpunkt am Forschungskolleg Humanwissenschaften untersucht die Potenziale und die Anfechtungen der Demokratie in der Atlantischen Welt.
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