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Das Forschungskolleg Humanwissenschaften: Projekte

»Komplexität in Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft«
ab 2017


Die Forschergruppe »Komplexität« beim Arbeitstreffen mit dem südafrikanischen Kosmologen George Ellis (1. April 2019)

Seit vier Jahren forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Natur- und Lebenswissenschaften und den Geistes- und Sozialwissenschaften der Goethe-Universität gemeinsam zu der Frage, was »komplexe Systeme« ausmacht und wie »Systeme«, die wir als »komplex« bezeichnen, genauer zu verstehen sind. Solche Systeme stellen jede Disziplin vor Herausforderungen, denn sie lassen sich wissenschaftlich analysieren, ihr Verhalten und ihre Entwicklung sind jedoch nicht auf die Summe der Systemteile zu reduzieren. Vielmehr erzeugen sie völlig neue Phänomene und Eigenschaften, die grundsätzlich nicht vorhersehbar sind. Dies beschreibt der Begriff der Emergenz, und solche Phänomene lassen sich in ganz unterschiedlichen Formen in jeder wissenschaftlichen Disziplin wiederfinden: So z.B. in historischen Brüchen und einschneidenden Ereignissen im Laufe der Geschichte, in der Entstehung der Arten und ihrer Evolution oder in der Faltung von Proteinen während ihrer Biosynthese, die über ihre Funktion und Funktionalität entscheidet.

Die Auseinandersetzung mit diesen Systemen führt auch zu einer Selbstreflexion der Wissenschaften. Dies betrifft ihre Zugänge zu komplexen Systemen und Phänomenen, aber auch ihre etablierten Methoden und Denkweisen. Im transdisziplinären Austausch entwickeln die Forscherinnen und Forscher des Projekts »Komplexität in Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft« eine gemeinsame Theorie der Komplexität, in der die Analyse komplexer Systeme den Ausgangspunkt für generelle wissenschaftstheoretische Überlegungen darstellt.

Die Ergebnisse dieser Forschungen betreffen aber nicht nur die jeweiligen Disziplinen, ihre Gegenstände und Methoden. Denn im Hintergrund steht immer auch die Beobachtung, dass unsere Zeit durch Globalisierung, Digitalisierung und eine zunehmende Beschleunigungserfahrung als komplex wahrgenommen wird. Hinzu kommen sich aufdrängende wicked problems, also Probleme, für die es nicht nur keine einfache, sondern möglicherweise gar keine Lösung gibt. Dies trifft z.B. auf den Klimawandel zu, der von denjenigen gelöst werden muss, die ihn produzieren. Die Komplexitätsforschung kann zum Umgang mit solchen Problemen ebenso beitragen wie zu einem Verständnis unserer als komplex empfundenen Gegenwart, indem sie aufklärt und Strategien des Umgangs mit Komplexität aufzeigt.

Dass Komplexität auch in den Künsten eine wichtige Rolle spielt, zeigt die im Rahmen des Projekts aufgenommene CD des Klavierduos Roelcke & Gremmelspacher. Diese ist in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt und dem Deutschlandfunk entstanden. In den Werken für zwei Klaviere von Debussy, Ligeti und Messiaen lässt sich die Wirkung von Komplexität in der Musik unmittelbar erfahren. Die CD wurde am 5. Dezember 2020 in der Sendung »Die besondere Aufnahme« im Deutschlandfunk Kultur vorgestellt. Die Sendung kann weiterhin hier abgerufen werden.

Projektleitung
Das Projekt wurde von Harald Schwalbe (Goethe-Universität) und Matthias Lutz-Bachmann (Goethe-Universität/FKH) initiiert und in den ersten Jahren von der Aventis Foundation gefördert. Seit 2021 wird es geleitet von dem Historiker Andreas Fahrmeir (Goethe-Universität/FKH), dem Chemiker Harald Schwalbe (Goethe-Universität) und der Biologin Julia Sigwart (Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum) unter Mitwirkung des Philosophen Matthias Lutz-Bachmann (Direktor des FKH/Goethe-Universität).

Weitere Informationen zum Projekt »Komplexität in Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft« erhalten Sie vom wissenschaftlichen Projektreferenten Dr. Thomas Schimmer (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!; 06172 / 13977-14).